Prof. Ernst Amende - Rastloser Altertumsforscher bis an sein Lebensende

Professor Ernst Amende ( 1852- 1940)

Rastloser Altertumsforscher bis an sein Lebensende

 

In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es wohl im Altenburger Land keine neuangelegte Lehm- oder Sandgrube, keinen Braunkohletagebau, keine Rodungen oder Planierungen für den Straßenbau, ja kaum eine private Baustelle bei der Erdarbeiten erforderlich waren, auf der nicht ein älterer Herr neugierig seinen Fuß setzte. Dabei sah er gar nicht aus wie ein Bauarbeiter – mit seinem weißen Haar und den voluminösen Vollbart sah er eher aus wie ein honoriger Wissenschaftler  - und das war er auch! Keiner sah dem rüstigen, aufrecht gehenden Mann an, dass er bereits 70 Jahre zählte und  nach 43-jährigen ununterbrochenem Schuldienst im Alter von 67 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand gegangen war. Jedoch war für ihn das Wort „Ruhestand“ mit Sicherheit nicht zutreffend, denn das Gegenteil war der Fall. Jetzt nutzte er die Zeit, die bisher seine Lehrtätigkeit beansprucht hat, um sie noch mehr der Forschung zu widmen, der Forschung, die ihn schon seinganzes Leben erfüllt hat. Dieser zur damaligen Zeit schon weit über die Grenzen seiner Heimatstadt Altenburg hinaus bekannte Wissenschaftler und Lehrer war Professor Ernst Amende, der am 13. Mai 1852 in Orlamünde/Naschhausen, im damaligen Westkreis des Herzogtums Sachsen-Altenburg als siebentes Kind geboren Ernst Amende, fand schon in der Schulzeit Beachtung durch seine Lehrer, ob seiner schnellen Auffassungsgabe und seines Interesses an allem, was ihm umgab. Nicht sein Vater Johann Gottlieb Amende, ein Schneidermeister oder seine Mutter, Johanna Louise Amende, geb. Müller waren es, die dem Jungen seine berufliche Laufbahn vorgaben, sondern seine Lehrer erkannten früh, dass Ernst das Zeug zum Lehrer hatte. Es müssen gute fortschrittliche Lehrergewesen sein und Vorbilder für den Schüler Amende, sonst wären ihre guten Ratschläge auf taube Ohren gestoßen. Häufig vom Lehrer geprügelte Kinder müssten schon eine Portion Sadismus in sich tragen, wenn sie im späteren Leben sich für den Lehrerberuf entschieden hätten. Bereits mit 17 Jahren hatte  er seine erste Ausbildungsphase abgeschlossen und wurde Lehrer und Erzieher in Seitenroda, einem Dörfchen unterhalb der Leuchtenburg. Um sein Wissen, vor allem im pädagogischen Bereich zu erweitern, trat er 1869, gleich im ersten Jahr seiner Lehrertätigkeit, in das erst 1861 gegründete Lehrerseminar in Altenburg ein. Das befand sich zu dieser Zeit im Friedrichsgymnasium im Gebäude am Hospitalplatz (zu DDR-Zeiten Theodor- Neubauer- Schule), da es das heutige Hauptgebäude dieses Gymnasiums in der Geraer Straße noch gar nicht gab, eingeweiht erst 1902. Erfolgreich schloss er nach drei Jahren diesen Lehrgang ab. Das Lehrerseminar war nicht so sehr eine Anstalt zur Wissensvermittlung, sondern ein Seminar für die praktische Arbeit als Lehrer. Heute würde man dazu Pädagogikstudium sagen. Wie wichtig und anerkannt diese Ausbildung für zukünftige Lehrer war, erkennt man daran, dass bereits 13 Jahre nach Gründung des Lehrerseminars die drei Klassen pro Lehrgang nicht mehr ausreichten und die Anzahl der Klassen auf fünf aufgestockt werden musste, weil es eine so große Zahl an Bewerbern gab. Mehr Klassen, mehr Lehrkräfte! Und nun kommt es zu einem ungewöhnlichen, aber Hinweis auf  seine Fähigkeit gebenden Einschnitt in der Biografie des Erich Amende. Nicht einmal vier Jahre nachdem er selbst das Lehrerseminar abgeschlossen hatte, beruft man ihn selbst zum Lehrer an das Seminar. Welch guter Seminarist  muss er gewesen sein und welches Vertrauen müssen seine Lehrer in ihn gesetzt haben, dass er diese Berufung erhielt? Und er wird das in ihn gesetzte Vertrauen rechtfertigen und wird so wie seine Lehrer ihm den Lehrerberuf nahe gelegt haben, von nun an Hunderte zukünftige Lehrer bestens auf ihren Beruf vorbereiten.

Sein ganzes Leben war darauf gerichtet sich selbst stets neues Wissen anzueignen und es dann anderen zu vermitteln. Eine Grundeinstellung, die heute noch jeden Lehrer Lebensmaxime sein sollte! Um sein Wissen zu erweitern, brauchte Ernst Amende keine Weltreisen, Studienaufenthalte oder zusätzliche Universitätsbesuche, sein Wissen holte er sich aus seiner Heimat. Seine Studienobjekte befanden sich vor seiner Haustür. Er betrieb theoretisch wie praktisch im wahrsten Sinne des Wortes „Heimatkunde“. Und zwar eine allumfassende Heimatkunde, die sich nicht darin erschöpft, allgemeines Wissen zur Geografie der Heimat zu vermitteln, sondern alles, was zur Heimat gehört, die Pflanzen und Tiere, die Geschichte von ihren Anfängen an die Geografie und Geologie und vor allem die Menschen darin umfasst. All seine neuen Erkenntnisse und Forschungsresultate behielt er aber nicht für sich, denn er war kein sich in seinem Studierstübchen einigelnder Wissenschaftler, sondern gab sie in den unterschiedlichsten Formen an Interessierte weiter. Und seine Erkenntnisse wurden begeistert aufgenommen und oft zur Grundlage weiterer Studien gemacht. Wen wundert es da, dass er 1896 Mitglied der weit über die Grenzen Altenburgs hinaus bekannten Geschichts- und Altertumsforschenden Gesellschaft des Osterlands (GAGO), gegründet 1838 wurde, wo er bei deren Zusammenkünften im Laufe seiner Mitgliedschaft 46 Vorträge hielt. Schon 10 Jahre früher war er auch Mitglied der Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes, gegründet 1817 geworden, in der die Mitarbeit Amendes auch ein gegenseitiges Geben und Nehmen war. In beiden Vereinen wurde er später Ehrenmitglied. Einen Verein für Erdkunde gründete er auf Initiative des großen Geografen, Alfred Kirchhoff, der als Direktor im Verein für Erdkunde in Halle tätig war, selbst in Altenburg. Dieser Vereinsgründung verdankt die spätere Lehrerschaft eine Vielzahl von Landkarten, die als Unterrichtsmaterial den Schülern noch bis nach dem II. Weltkrieg einen umfassenden geografischen Überblick über ihre Altenburger Heimat gab und noch heute sind sie historische Zeugnisse.

Der wohl wertvollste, weil arbeitsintensivste Nachlass Amendes sind jedoch seine vorgeschichtlichen Sammlungen, die ihm zu Ehren heute als „Ernst Amende – Sammlung für Vorgeschichte“ im Schlossmuseum zu Altenburg als Dauerausstellung zu sehen ist. Es sind dies Fundstücke seiner lebenslangen Sammelleidenschaft, die er auf unzähligen Wanderungen mit und ohne Schüler durch seine Heimat gefunden, danach beschrieben, sichergestellt und katalogisiert hat. Jede Wanderung in Begleitung seiner Schüler war ein Erlebnis und festigte die  Überzeugung bei seinen Lehrern in spe, dass es überall etwas Interessantes und Lehrreiches zu entdecken gibt. Das waren noch Wandertage mit pädagogisch wertvollem Inhalt.

1894 wurde seine Arbeit mit dem Titel „Seminaroberlehrer" gewürdigt und 1917 bekam Ernst Amende vom Herzog Ernst II. den Professorentitel. Es gab wohl keine niveauvolle Publikation aus dem Altenburger Land, die ohne die wertvollen wissenschaftlichen Beiträge Ernst Amendes ausgekommen wäre. Nicht nur durch hohe fachliche Kompetenz zeichneten sich diese Artikel aus, sondern auch durch seine einfache, für ein breites Leserpublikum verständliche Sprache. Auch in Kreisen größter fachlicher Koryphäen war er zu Hause und pflegte mit ihnen einen ständigen Erfahrungsaustausch. Viele seiner Schüler sollten einmal sein Erbe antreten und selbst zu anerkannten Pädagogen und Wissenschaftlern werden, wie z. B. Dr. Franz Thierfelder. 1933 wurde er zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt ernannt. Obwohl er in seinem langen Leben durch drei Kriege beeinflusst war (als Kind durch den 7-jährigen, als Jugendlicher durch den deutsch-französischen und im Alter durch den I. Weltkrieg) blieb es ihm gottlob erspart, den faschistischen Terror in seiner größten Perversion und den bitteren und entbehrungsreichen Untergang seiner geliebten Heimat miterleben zu müssen. Er starb kurz vor Vollendung seines 88. Lebensjahres am 21. April 1940.

Die Stadt Altenburg ehrte ihn unter anderem durch die Benennung einer Straße mit seinem Namen im Stadtgebiet, unweit des Botanischen Gartens.

Rainer Schulze