Hans Joachim Müller

Hans-Joachim Müller (1922 - 2001)

Lebensbild eines Heimatforschers


 

"Wir erinnern uns an seine Begeisterung, wenn er über neueste Forschungsergebnisse berichtete. Sehr viel bedeuten ihm u.a. die regelmäßigen und stets interessanten Besuche im Altenburger Schlossarchiv (gemeint ist das Thüringer Staatsarchiv - Anm. d. A.) oder seine Beiträge in der Osterländer Volkszeitung". Mit diesen Worten ergänzt Birgit Jacob, die Tochter Hans-Joachim Müllers dessen unvollendet gebliebenen  Lebensbericht im Oktober 2001. Weil für ihn "seine vielfältigen und umfangreichen heimatgeschichtlichen Forschungen den Vorrang" hatten, wollte er seinen Lebensbericht, welcher nur bis zu den Jahren 1974/75 reicht, später einmal fertig schreiben. 

Leider verstarb am 21. Juli 2001 79jährig der vor allem durch seine historischen Beiträge zu Wintersdorf, Gröba und anderen umliegenden Orten bekannt gewordene Heimatforscher Hans-Joachim Müller.

 

Sein Andenken zu bewahren ist sicher nicht nur das von Herzen kommende Anliegen des Autors, sondern gleichsam Verpflichtung für uns jüngere Generation von Heimatforschern. Schon Jahre vor der Wende hat Hans-Joachim Müller Familien- und Heimatforschung betrieben, als junger Mann hatte er noch vor dem Krieg bei der Gesellschaft für Familienforschung den Oberlehrer und bekannten Altenburger Familienforscher Paul Leidner kennen gelernt. 

Nach dem Krieg ist es sein Onkel, der Oberlehrer Kurt Pleißner, der ihn mit dem Archivar Walter Grünert und dem Heimatforscher Kuno Apel bekannt macht. 1956 erscheint seine erste große heimatgeschichtliche Arbeit, die "Chronik von Ruppersdorf", ein Dorf, welches durch den Braunkohlenabbau devastiert worden ist. Dazu hatten ihn seine Nachforschungen seit 1955 vor allem ins Sächsische Staatsarchiv nach Dresden geführt. Für die damals noch übliche und beliebte Betriebszeitung verfasste er in den folgenden Jahren eine ungezählte Reihe kleiner heimatgeschichtlicher Artikel. 1990 nutzte er genau wie viele andere ehrenamtliche Heimatforscher die Gunst der Stunde mit der gewonnenen Pressefreiheit und dem enorm gewachsenen Interesse an der Heimatgeschichte, um in neuen ebenso wie in althergebrachten, aber mit neuen Inhalten versehenen Presseerzeugnissen den Menschen des Altenburger Landes zumindest ein Stück Vergangenheit nahe zu bringen. Geschickt verband er die Geschichte seiner Vorfahren mit der Geschichte der Dörfer rings um Wintersdorf. Von Vorteil waren für ihn die genaue Ortskenntnis und seine umfangreiche private Fotosammlung. Stets betrachtete er die Historie seines Ortes in Zusammenhang mit der Geschichte des Altenburger Landes oder weiter zu ziehender Kreise, z.B. Kirchengeschichte, Landesgeschichte, Adelsgeschichte, Geschichte der Landwirtschaft usw. Dadurch ergaben die betrachteten Fakten ein relativ abgerundetes Bild, blieben trotzdem streitbar, riefen durchaus auch Widersprüche hervor, waren diskutierbar und auch mutig Neuland betretend. Der Autor hat sich gerne der kleinen Mühe unterworfen, an Hand der gesammelten Zeitungen allein das publizierte Werk Hans-Joachim Müllers der letzten Jahre zu sichten: Begonnen hat alles 1990 mit der Reihe "Diesseits und jenseits der Schnauder" im "Altenburger Wochenblatt" mit immerhin 12 Beiträgen zu verschiedenen Themen der Geschichte von Wintersdorf  und Gröba. Nach 1990 wurde der erste Müllerische Beitrag "Landschaft an der Schnauder zwischen Luckaer Forst und Kammerforst" im "Heimatkurier" der OVZ veröffentlicht und wenn ich alles richtig gezählt habe, waren es bis zu seinem letzten Artikel am 3. Juli 2001 insgesamt 88 heimatgeschichtliche Beiträge, davon die meisten zu Wintersdorf, wohl ein eigenes Buch füllend. Gröba, Heukendorf, Ruppersdorf, Bosengröba, Pflichtendorf, aber auch Lehma, Neubraunshain, Zschernitzsch und Dobitschen sind die weiteren Orte, in deren Geschichte wir Hans-Joachim Müller folgen konnten. Neben den eigenen Vorfahren, die durchaus als repräsentativ für das Altenburger Land gelten können, befasste er sich recht intensiv auch mit der für die Stadt Altenburg bedeutsamen Familie Reichenbach. 

Sein Beitrag "Eine alte schöne Sitte im Altenburger Land" 1992, in dem es um Dorfzimmerleute und Hausinschriften ging, brachte mir seine persönliche Bekannt- und Freundschaft, da mich die Thematik nicht nur als Heimat-, sondern vor allem als Bauernhausforscher interessierte.

 

Hans-Joachim Müller wurde am 24. Juni 1922 in Leipzig-Volkmarsdorf geboren. Wenige Jahre vor seiner Einschulung war die Familie nach Leipzig-Probstheida umgezogen und bereits ab Ostern 1929 ging er in Wintersdorf zur Schule, weil die Familie in das "Gartengut" seiner Großeltern auf den Gröbaer "Angerberg" eingezogen war. "Das Fachwerkhaus von 1838, der Hof und der Garten mit allen alten Bäumen, die so groß waren, dass sie über den Dachfirst ragten, das Seitengebäude und die alten Schuppen, die Scheune und der Brunnen, das war jetzt meine Welt." - so beschreibt er selbst die frühesten Erinnerungen an Wintersdorf/Gröba. Nach Beendigung der Volksschule 1936 beginnt er eine Lehre in der Gemeindeverwaltung Wintersdorf und wird nach erfolgreicher Prüfung 1939 auch dort als Verwaltungsangestellter übernommen. Doch die Zeit damals in Deutschland war nicht nur von friedlicher Arbeit erfüllt und forderte auch von Hans-Joachim Müller entsprechenden Tribut. Einundzwanzigjährig zieht er 1941 in einen Krieg, der nicht der seine war. In Afrika gerät er 1943 in Gefangenschaft, wird als Kriegsgefangener 1944 nach den USA verschifft und kommt von dort 1946 zunächst nach England, von wo aus er erst im Frühjahr 1947 nach Deutschland zurückkehren darf. Im Mai 1947 erhält er in Leipzig seinen Heimkehrerpass. Für den Heimatforscher interessant ist, wie er seine Gefühle von damals beschreibt: "Der erste Schritt hatte mich allerdings in die angestammte Heimat geführt. Und warum? Nicht die Abenteuerlust oder ein politisches Ziel hat mich je geleitet. Die Heimat mit den Eltern, dem Haus und dem Garten, die angestammte Heimat der Vorfahren war für mich der Grundstock". 

 

Zurück in der Heimat zieht es ihn zur Verlobten Marianne Näther, die er am 26. November 1947 heiratet und mit der er zunächst bei den Schwiegereltern im "Altenburger Hof" in Wintersdorf wohnt. Arbeit findet er als Gleisbauer im Tagebau "Marie". 1948 zieht er mit seiner Frau nach Gröba in das Haus seiner Eltern, wo 1949 seine Tochter Birgit zur Welt kommt. 1950 wird Hans-Joachim Müller Buchhalter im Braunkohlenwerk Ruppersdorf, ab 1952 ist er in der Verwaltung des Braunkohlenwerkes Rositz. 1954 wird sein Sohn Hans-Michael geboren. 

Von 1957 bis 1960 qualifiziert er sich in der Abendschule zum Finanzbuchhalter, beginnt 1965 nach entsprechender Studiumsvorbereitung ein Fachschulabendstudium, absolviert 1969 erfolgreich die Prüfung als Ökonom, dann als Ingenieur-Ökonom der Finanzplanung. Seit 1968 ist sein Arbeitsbereich im VEB BKW Rositz die Forschung und Entwicklung. Bis zum Eintritt ins Rentenalter und dem damit verbundenen Beginn intensiver Forschungen zur Heimatgeschichte, vor allem nach dem Umzug nach Altenburg, blieben Hans-Joachim Müller noch Jahre glücklichen Familienlebens, dem Schaffen an Haus und Hof in Gröba, und dann bereits als Rentner der Genuss der ersten Opafreuden.

Andreas Klöppel,

Vorstandsmitglied der Geschichts- u. Altertumsforschenden Gesellschaft des Osterlandes zu Altenburg e.V. (GAGO)